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Kondome Thu, 26 Aug 2010 19:08:00 +0000

Sollten wir im kommenden Sommer, oder spätestens in einigen Jahren, unser Expat-Dasein aufgeben, so wird mir das abwechslungsreiche Pendeln zwischen der Schweiz und den Emiraten fehlen. Das mag jetzt ironisch klingen, ist aber ernst gemeint. Ich empfinde die spontanen Kurztrips auch nach vier Jahren immer wieder als spannend, auflockernd und bereichernd. Denn glücklicherweise kann ich mir die Flüge so einteilen, dass genügend freie Sitze vorhanden und die Wartezeiten bei Check-In und Security akzeptabel sind.
Die Entscheidungsfindung in der Causa Rückkehr allerdings verläuft schleppend. Dabei wird die Zeit langsam knapp. Bis im Februar wollen SWISS und Pilotenverband informiert sein. Franziska und ich haben uns eine eigene Deadline gesetzt: Am Jahresende müssen die Würfel gefallen sein.

Am vergangenen Wochenende bin ich für die Hochzeit meines Göttibuben Robin und seiner Braut Barbara nach Genf geflogen und mit Zug nach Winterthur gefahren. Die Trauung in der Stadkirche der Eulachstadt weckt Erinnerungen an meine Konfirmation vor 36 Jahren. Der gleiche Altar, die gleiche Kanzel, auf der Pfarrposition wurde allerdings ausgewechselt.
Gefeiert wird nach einem Apéro in der Villa Sträuli (es lebe Winterthur!) in der 1748 erbauten Trotte Iselisberg. Bei herrlichem Sommerwetter geniesst die bunte Gästeschaar nicht nur das ausgezeichnete Essen, sondern auch den ausschweifenden Blick über das Thurtal bis nach Frauenfeld. Es ist jenes Wochenende, wo sich die starken Schwinger gegenseitig an die Hosen gehen. Natürlich freut mich, dass ein Jungtalent aus dem Diemtigtal die begehrte Krone holt.

Franziska ist leider nicht mit dabei. Bei der Hochzeit, meine ich. Sie hat just in dieser Woche Prüfungen in Frankfurt für ihre Weiterbildung zur Buchhändlerin. Wir treffen uns am Sonntagabend vor dem Check-In des Rhein Main Flughafens für den gemeinsamen Rückflug nach Abu Dhabi. Nach kurzer Nacht, einem Besuch bei der Ex-Schwägerin und den Ackermanns in Neerach, habe ich einmal mehr die Dienste von SBB und DB beansprucht, und mich auf der Schiene nach Hessen verschoben. Die Mädchen geniessen während zwei Tagen ungewohnte Freiheiten, losgelöst von erzieherischer Besserwisserei. Allerdings auch ohne Rückhalt bei Küchendienst und Aufräumarbeiten.

In der neuen Wohnung stören noch immer überzählige Kleinmöbel und Bilder, bei denen wir über die weitere Verwendung unsicher oder uns nicht einig sind. Behutsam tasten wir uns weiter vor an eine, wie uns scheint, gefällige Lösung. Bereits sind die neuen Vorhänge ausgesucht, zugeschnitten und montiert. Jeden Tag schreiten die Räumungs-, Entsorgung- und Einrichtungssarbeiten voran. Es kommt gut. Meine anfängliche Skepsis weicht langsam einer stillen Freude.

Derweilen rückt die endgültige Abreise von vertrauten Menschen unwiderruflich näher: Peter besucht uns zu einem bescheidenen Abschiedsbrunch. Die Familie hat in Würzburg bereits die neue Wohnung bezogen. Er wohnt mehr schlecht als recht im leer geräumten Haus und ist in seinen letzten Abu Dhabi-Tagen mit allerlei administrativem Krimskrams beschäftigt. Der in die Jahre gekommene treue Familienhund Manu muss vor dem Abflug von seinen Altersbeschwerden erlöst werden. Eine strapaziöse Flugreise nach Deutschland wäre ihm nicht mehr zuzumuten. Am Samstag fährt Peter mit dem Hund zur deutschen Tierärztin in Khalifa. Sie kennt sowohl die Lembachs als auch Manu und zeigt Verständnis und Einfühlungsvermögen.

Jetzt sitzt er, Peter, in unserer Stube und geniesst noch einmal den Blick über die Dächer von Abu Dhabi. Bereits am ersten September wird er seine neue Stelle in der Missionsärztlichen Klinik Würzburg antreten. Anästhesisten haben es einfacher als Piloten, einen neuen Arbeitsplatz zu finden.

Auch Lindas Freund Nemo ist am Kofferpacken. Anfangs September wird er sein Studium an der UBC, der University of British Columbia in Vancouver beginnen. Liegt nicht gerade am Weg, die Stadt an der Westküste Kanadas. Seine Abreise steht in wenigen Tagen an. Während ich bei milder, spätsommerlicher Witterung meinen ersten Nightstop in Dublin zu einem kurzen Stadtbummel nutze, bleibe ich nach dem üblichen Kaffee Latte – schliesslich bin ich wieder einmal die Nacht durchgeflogen – vor dem Schaufenster eines Trödelladens, dessen Eingang im satten Grün der irischen Freiheitskämpfer bemalt ist, hängen.




























Brooks & Co. vereinigt ein Sammelsurium an Objekten aus früheren Jahren: Fotos, Plakate, Truhen, Hüte, Krüge, Bücher, Vasen, Puppen, Modellautos und sonstige Krämereien. Ein Paradies für Sammelfreaks und Schnäppchenjäger. Aus der hintersten Ecke des Ladens meldet sich mit brüchiger Stimme der Inhaber. Ich schätze ihn auf mindestens 80 Jahre. Er kann sich nur mit der Hilfe zweier Holzstöcke bewegen. Wenn er nicht spricht, röchelt er, man verzeihe mir den Ausdruck, wie ein alter Hund. Er erklärt mir, dass er dieses Geschäft seit 1977 betreibt. Er scheint über die Jahre mit dem Inventar zu einer symbiotischen Einheit verschmolzen zu sein. Ich erstehe zwei Metallschilder mit Aufdruck. Das eine werde ich an Lindas Zimmertür nageln. Am Tag von Nemos Abreise. Rein prophylaktisch. Es könnte ja sein, dass dereinst Männerbesuch ansteht. Auf dem Schild steht geschrieben:







Ich will mir später nichts vorzuwerfen haben.

Ali Khans Shoe Shop Thu, 19 Aug 2010 08:55:00 +0000

Der kleine Schuhmacherladen liegt versteckt in einer Hinterhofstrasse im Zentrum von Abu Dhabi. Ich entdecke ihn zufällig, auf der Suche nach einem Werkzeugladen, wo ich Nägel kaufen will. Das passt, denn meine vor wenigen Wochen erstandenen Mokassin zeigen bereits Verschleisserscheinungen. Lose Nähte und Knoten, die sich mit jedem Schritt weiter öffnen.
Gestern Abend dann will ich mein Schuhwerk reparieren lassen. Franziska weilt in Deutschland, die Mädchen und ich sind auf dem Weg zum Nachtessen im T.G.I. Friday’s. Nicht unbedingt traditionell arabisch, aber gut und praktisch. Der Umweg zu Ali Khans Shoe Shop ist unwesentlich, doch der Zeitpunkt ist ungünstig gewählt; die Sonne ist eben erst am Horizont untergetaucht. Im Ramadan wirken Strassen und Geschäfte um diese Zeit wie ausgestorben. Iftar: Die muslimische Gemeinschaft bricht ihr tägliches Fasten.

Kurz vor 2300 Uhr parke ich wieder vor Alis Laden. Diesmal brennt Licht, die Tür steht offen. In den Wandgestellen stehen säuberlich aufgereiht Schuhmodelle aus braunem und schwarzem Leder. Am Boden erblicke ich eine kleine, bescheiden bestückte Arbeitsecke. Schnürsenkel in unterschiedlicher Länge, diverse Fäden, Haken, Schere sowie eine Lochzange. Die übrigen Utensilien sind mir unbekannt. Möglicherweise haben Zahnärzte vor 100 Jahren mit ähnlichem Werkzeug hantiert.
Erst jetzt entdecke ich den jungen Pakistani, der in der Ecke am Boden kauert und an seinem Handy herumfingert. Anfänglich beachtet er mich kaum. Er knurrt ein „Salam Aleikum“ und beschäftigt sich weiter mit dem Mobiltelefon. Ich warte geduldig bis er aufblickt. Es ist drückend heiss in Ali Khans Schuhladen. Keine Klimaanlage, nicht einmal ein Ventilator. Lange halte ich es hier drinnen nicht aus.

Ich zeige dem in grünes Gewand gehüllten Handwerker meine Schuhe. Er versteht mich kaum, erkennt aber mein Anliegen.
„Sit!“. Mit einer flüchtigen Kopfbewegung zeigt er in die Ecke, wo ein kleiner wackeliger Holzstuhl steht. Ich beobachte Ali, wenn er es denn ist, bei seiner Arbeit. Er bleibt im Schneidersitz, seine nackten Fusssohlen gegeneinander gerichtet, und greift sich eine Spule mit weissem Schuhfaden. Dann legt er los. Sämtliche Schwachstellen meiner in der modernen Marina Mall erstandenen Mokassin werden neu verknotet. Mit einem Feuerzeug schweisst er jeweils die Enden des Fadens ab. Die kleine Flamme löscht er mit dem Finger, ohne dabei seine Miene zu verziehen. Obwohl ich lediglich zuschaue, steht mir der Schweiss auf der Stirn. Es ist brutal heiss im kleinen Laden. Die Türe steht zwar offen, doch in Abu Dhabi bleiben die Temperaturen im August auch Nachts über 30° Grad. Ich spüre, wie mir der Saft aus allen Poren schiesst. An der Wand hängen braune Ledergürtel, von denen mir einer sehr gut gefällt. Doch jede Bewegung ist zuviel. So lasse ich es bleiben. Ali arbeitet ruhig und bedächtig. Nach wenigen Minuten hat er sein Werk verrichtet. Er zupft an den Schuhen, überprüft kritisch das Resultat seiner Reparatur.
„Finished“ sagt er und reicht mir die blauen Latschen. Ich bin zufrieden, frage nach dem Preis. Ali brummt etwas Unverständliches. Ich frage noch einmal. "Fifteen“. So richtig gesprächig will er nicht werden. Ich klaube eine Zwanzigernote aus dem Portemmonnaie und strecke sie ihm hin: „Ramadan Kareem“. Jetzt huscht ein kurzes Lächeln über sein Gesicht. „Muslim?“ blickt er mich fragend an.
„La, la, mafi Muslim. Ana men Swisri.“ Nein, nein – ein Muslim bin ich nicht. Ich komme aus dem Land, wo der Bau von Minaretten verboten ist. Wo es dafür Käse, Milch und Schokolade im Überfluss gibt.
Der junge Schuhmacher nickt und erhebt die rechte Hand. Ich deute seine zaghafte Bewegung als wolle er sagen: „Schon gut, kein Problem. In meiner Heimat beschäftigen uns andere Sorgen“. Wie Recht er doch hat.

Ich verlasse Ali Khans Shoe Shop. Die enge Strasse ist verstopft mit chaotisch parkierten Autos. Auf dem Gehsteig unter den Bäumen diskutieren Pakistani in kleinen Gruppen. Ihre Mienen blicken finster. Es ist kurz vor Mitternacht.
Abu Dhabi boomt, aber nicht hinter jeder Hausecke.

Wunschlos glücklich Sat, 14 Aug 2010 08:23:00 +0000

Ich bin wunschlos glücklich!

Nicht etwa, weil wir vom Vorstadthaus in den Vogelkäfig gezogen sind. Obwohl sich die neue Wohnung letztlich als ganz flott erweist. Mein Seelenwohl gründet weder in einem Karrieresprung noch in der erhofften Eingebung in der Frage unseres Rückkehr-Entscheids. Keine neue Frau (die bestehende ist mir nach wie vor lieb und teuer), kein unerwarteter Lottogewinn. Viel einfacher - auf unserem Rückflug von Sydney durchqueren wir den Perseiden-Schauer. Es ist die perfekte Nacht, stille, heimliche, bescheidene, lang gehegte, spontane und unverschämte Wünsche an die Sternschnuppe zu bringen.

Wie jedes Jahr im August kreuzt die Erde auf ihrer Umlaufbahn um die Sonne in diesen Tagen die Spur des Kometen Swift-Tuttle. Alle 133 Jahre kehrt dieser Komet ins innere Sonnensystem zurück, zuletzt im Jahr 1992. Auf seiner Kometenbahn lässt Swift-Tuttle eine Staubspur mit winzigen Kometenpartikeln in der Grösse von Sandkörnern zurück. Als die Erde in der Nacht unseres Rückflugs die alte Kometenbahn kreuzt, rast sie mit knapp 30 Kilometern pro Sekunde auf die kleinen Kometenstaubkörner, genannt Meteoroiden, zu. Diese kollidieren mit der Atmosphäre und treten mit einer Geschwindigkeit von etwa 60 Kilometern pro Sekunde in die oberen Luftschichten ein. Die vor den Staubteilchen liegende Luft wird so stark zusammengepresst, dass sie über 3000 Grad heiß wird und dadurch zu leuchten beginnt. Ähnlich wie in einer Neonröhre, in der Gasteilchen ionisiert werden und somit leuchten, beginnen in der Atmosphäre die Luftteilchen vor dem rasenden Staubkorn Licht auszustrahlen. Das Ergebnis sind Sternschnuppen.
Nach nur einer Sekunde in der Erdatmosphäre sind die Meteoroiden verglüht. Dennoch reichen die winzigen Staubteilchen aus, um eine gut sichtbare Sternschnuppe zu erzeugen. Die meisten Sternschnuppen werden für die Nacht vom 12. auf den 13. August angekündigt, denn dann kommt die Erde der Staubspur von Swift-Tuttle am nächsten. Gemäss Aussagen von Fachleuten kann ein Beobachter etwa 100 Meteoroiden pro Stunde erwarten. Es ist, wie gesagt, die Nacht unseres Rückflugs von Australien.

Obwohl sich das Ganze in einer Höhe von 80 bis 100 Kilometern abspielt, können wir den Meteorschauer mit bloßem Auge von der Erde aus beobachten. Noch viel idealer ist ein Beobachtungsposten auf 12'000 Metern.
Meine Schicht beginnt kurz bevor wir das ebenfalls hell erleuchtete Singapur überfliegen. Wir löschen sämtliche Lichter im Cockpit und starren aus dem Fenster. Der Mond ist leer, die Nacht ist finster. Mit jeder Sekunde gewöhnt sich das Auge besser an die Dunkelheit. Immer klarer und leuchtender heben sich die Sterne und Planeten vom Schwarz des Himmels ab. Dann zischt die erste Sternschnuppe aus dem Nichts. Ihr kurzes Leuchten verlischt sogleich wieder. Es dauert nur wenige Minuten, bis sich das Schauspiel wiederholt. Unglaublich, als wären wir im Planetarium. Rechts, links – die Lichter schiessen aus allen Richtungen. Vor mir liegt der Zettel mit meinen vorgängig notierten Wünschen. Bei jeder Sternschnuppe hake ich eine Zeile ab. 14 Stunden Flug, von denen ich die Hälfte im Cockpit sitze, genügen, um meine Liste abzuarbeiten. Mein Arbeitsplatz auf 40'000 Fuss ermöglicht mir das Paradies auf Erden.

Ich fahre nach der Landung am frühen Morgen freudig gespannt nach Hause. Im Wissen, dass die Lohnerhöhung, der neue Mercedes, die Vermehrung meiner Pensionskassenfonds ebenso wie die gesteigerte Hilfsbereitschaft der Töchter im Haushalt nur eine Frage der Zeit sind.

Umzug Wed, 11 Aug 2010 15:41:00 +0000

Der Kragen platzt mir bereits am Donnerstag. Einen Tag vor dem Umzug in die Stadt. Der Chef der Zügeltruppe windet sich am Telefon und meint, dass am Freitag niemand arbeiten würde. Auch seine Angestellten nicht. Obwohl er dies vor zwei Wochen noch ausdrücklich bestätigt hat. Er hätte sich im Wochentag geirrt, stammelt er nun in sein Handy. Eine miserable Vorgabe, wenn das nur gut kommt.
So beginnt unser Umzug statt am muslimischen Sonntag, der eigentlich Freitag ist, am Samstag. Darüber schwebt wie ein Damoklesschwert meine Langstrecken-Reserve, die mich allenfalls über den Pazifischen oder Atlantischen Ozean schicken könnte. Spätestens am Montag gehts definitiv nach Down Under. Mit 48 Stunden Aufenthalt in Sydney. Bis dann soll möglichst viel verschoben, ausgepackt, abgestaubt, verräumt und aufgehängt sein. Also Vollgas.

Tatsächlich stehen die Zügelmänner am Samstag kurz nach 8 Uhr vor dem Haus. Den Chef plagt immer noch ein schlechtes Gewissen, dabei ist mein Zorn längst verflogen. 15 junge, kleingewachsene und zerbrechlich wirkende Inder stürmen mit zusammengefalteten Kartonschachteln unter ihren Armen unser Haus und machen sich in sämtlichen Zimmern an die Arbeit. Kaum sind die braunen Boxen aufgeklappt, sind sie auch schon halb gefüllt. Alles verschwindet darin; Büromaterial, Kleider, Bilder, Nagelfeile, Bücher, Gläser, Pfannen und Töpfe. Ein bisschen wie im Märchen. Keine sieben Zwerge, dafür 15 Heinzelmännchen, die uns mit ihren Diensten unterstützen. Katze Bart (nach dem Simpson-Sprössling benannt) rauscht wild fauchend durch die Räume. Linda und Nina stehen verloren und verschlafen zwischen den Arbeitern. Die beiden sind vor Aufregung die halbe Nacht wach gelegen, ihre jugendliche Dynamik ist ihnen gänzlich abhanden gekommen. Franziska und ich eilen durch alle drei Etagen und versuchen, den Überblick zu behalten.

Umziehen ist in Abu Dhabi wesentlich einfacher als in der Schweiz. Diverse Moving Companies bieten einen Komplettservice an, der uns eigentlich erlauben würde, während des Wohnortwechsels eine Woche in die Ferien zu verreisen. Die Jungs räumen ab und bauen wieder auf. Jedes Glas, jede Weinflasche wird vorsichtig in Papier gewickelt und am neuen Ort wieder ins entsprechende Regal gestellt. 5000 Dirham (1500 CHF) kosten uns diese Verrichtungen, dafür werden auch Bilder und Vorhänge aufgehängt. Nicht immer ganz im Lot, aber immer noch besser und schneller, als ich das machen würde.
Am Nachmittag entscheide ich mich, den Fernseher inklusive Satellitenempfänger und Videogerät in die neue Wohnung zu transportieren. Sollten mir die Arbeiter die mühsam erarbeitete Kabelkombination zerpflücken, wäre ich hoffnungslos verloren. Etwa so, wie beim Versuch, die Sender im neuen Heim zu programmieren. Dabei glaube ich alles richtig zu machen. Tröstlich immerhin, dass es dem kurzfristig zu Hilfe geholten Fachmann nicht besser ergeht. Erst ein Anruf bei der für die Montage der Satellitenschüssel zuständigen Firma bringt Aufklärung: „First you have to pay 280 Dirhams, only then we will activate the reception in your apartment“. Immerhin können wir uns die Kosten der Installation sparen. Anders als vor vier Jahren, beim Einzug ins Haus im Al Qurm Compound.

Es ist 1700 Uhr, als ein Bus mit der ersten Ladung Möbel vorfährt. Die 15 Inder verrichten ihre Arbeit auch am Nachmittag wie ein fleissiges Bienenvolk. Zwischen 22° in klimatisierten Räumen und 48° im Freien laufen sie sich die Füsse wund. Ihre blauen Hemden sind schweissnass. Wir offerieren Wasserflaschen und Cookies. Sie akzeptieren mit einem schüchternen Lächeln und ihrem typischen Kopfwackeln; die einen nehmen nur ein Bisquit, andere gleich die ganze Packung.
Hossein, der Wachmann im neuen Wohnblock, erweist sich als zuverlässiger und ungemein wertvoller Koordinator. Er, der täglich von 0900 bis 2100 seinen Dienst verrichtet und pro Monat nur zwei Tage frei hat, ist freundlich und um keinen Rat verlegen. Ich schiebe ihm gleich am ersten Abend 100 Dirham über den Tresen. Viel Geld für ihn, ein Achtel seines Monatsgehalts, doch damit schaffe ich uns viele Probleme vom Hals. Er dankt es mit leuchtenden Augen, und ich weiss mir seine Dienste für die nächsten zwölf Monate auf sicher.

Es ist bereits halb zehn, als sich die letzten Zügelmänner auf den Heimweg machen. Wir haben entschieden, schon heute in der neuen Wohnung zu nächtigen. Das Abendessen besteht aus Sushi und Pouletschenkeln. Zum Dessert gibts Datteln und Berliner. Dazu trinken wir Mineralwasser. Wir essen am Boden und auf dem Sofa. Der Kühlschrank mit dem Bier, und sämtliche Tische stehen noch im Al Qurm Compound.

Am nächsten Morgen früh gehts weiter. Christian Laulund, ehemaliger SAS-Pilot und neuer Nachbar aus der fünften Etage, bringt Espresso in die Stube, während die Inder immer neue Schachteln schleppen und drei Lieferwagen füllen.
Franziska versucht bei den Stadtbehörden unseren Hausvertrag für Strom und Wasser zu kündigen. Sie darf gerade mal die letzte Rechnung bezahlen, ihre Unterschrift fürs offizielle Formular wird nicht akzeptiert. „Only your husband can give us the signature“. Also zeige ich mich am Abend persönlich, komme aber auch nicht weit: „I need a copy of your passport“, begrüsst mich der arabische Beamte. Schade, dass er das nicht bereits am Morgen erwähnt hat. Eigentlich hätte ich es wissen müssen.
Immerhin laufen die Dinge bei der Neuinstallation der Internet-Dienste flüssiger. Schilderungen von Kollegen haben uns das Schlimmste befürchten lassen. Linda zeigt in dieser Sache Gelassenheit. Dank Schwarzbeer-Technologie bleibt sie auch ohne Netz stets im Loop. Zumindest bis Anfang Oktober, dann sollen die Blackberry-Dienste gestoppt werden. Sie zählt auf das Verhandlungsgeschick der Saudis und hofft, dass die Emirate von ihren Kompromissen mit den RIM-Managern profitieren können.
Der staatliche Kommunikations-Anbieter etisalat schickt bereits am Montag einen Techniker in die Wohnung. Glücklicherweise ist Franziska wach und öffnet ihm die Tür. Ich schlafe noch und stolpere nach dem Aufstehen beinahe über seinen Kabelsalat im Büro. Es dauert keine Stunde, und wir sind wieder mit der grossen weiten Welt verbunden.

Unsere indischen Helfer sind eine Wucht! Wir werden von ihrem Einsatz und ihrer Hilfsbereitschaft freudig überrascht. Nicht ein einziges Glas geht in die Brüche. Dafür schafft es Nina, die Glasfront eines Bildes zu zertrümmern. Das Auspacken der Kartonschachteln läuft flüssig. Unsere Schwierigkeit liegt darin, die kleinen aber wichtigen Dinge des Alltags im allgemeinen Wirrwarr zu orten: Franziska sucht ihre Schlüssel, ich mein Buch und meine Uniformjacke. Schwer zu finden sind auch Ladegeräte für Telefone und Computer. Dafür geraten mir frühere Rechnungen in die Hände, für die wir bereits die Mahnungsgebühren beglichen haben.
Der Wohnraum wirkt im allgemeinen Umzugs-Chaos bedrohlich eng. Der Versuch, ein geräumiges 6-Zimmerhaus mit Garten in eine durchschnittliche 5-Zimmerwohnung ohne Balkon zu packen, verlangt Opfer. Vieles hat keinen Platz und muss verkauft, verschenkt oder entsorgt werden. Entsorgen ist meine Stärke und gleichzeitig Franziskas Schwäche. Der Konflikt ist vorprogrammiert. So zollen wir dem Umzug seinen Tribut; mit lauten Worten und dem einen oder anderen Schweisstropfen.

48 Stunden nach dem ersten Handgriff ist der Spuk vorbei. Vieles steht, wenn auch noch nicht dort, wo es hingehört. Wir beginnen uns wohlzufühlen. Die einen weniger, die andern mehr. Alles ist neu und ein bisschen anders: Die treue Maid Romana wohnt nicht mehr bei uns, und die Katze kackt verstört vor Lindas Augen auf ihre Bettdecke.
Tumbler, Kaffee- und Waschmaschine sind angeschlossen und betriebsbereit. Die Satellitenschüssel sorgt für flimmerfreies TV-Bild, Internet und Festanschluss garantieren den Kontakt zur Aussenwelt. Der Geschirrspüler allerdings braucht noch ein bisschen elektrische Hilfe, ebenso warten wir darauf, dass der Kochherd an der Gasverteilung angeschlossen wird. Schon am dritten Morgen liegt die Gulf News vor der Wohungstür, die Normalität scheint langsam zurückzukehren. Ich kann beruhigt nach Sydney fliegen.






























































Von Müdigkeit überfraut














Der neue Wohnpalast














Blick vom Wohnzimmer auf die Stadt


























Lindas Zimmer mit Rundblick










































Noch fünf Nächte Sun, 01 Aug 2010 16:40:00 +0000

Noch fünf Nächte bis zu unserem Umzug. Noch fünf Nächte im Haus im Al Qurm Compound. Genau genommen nur noch vier, denn am Dienstag fliege ich nach Frankfurt, der Rückflug erfolgt einen Tag später. Damit werde ich einer meiner fünf letzten Nächte im eigenen Haus beraupt.
Mich beschleicht ein seltsames Gefühl.

Im August 2006 sind wir in die Villa C3 eingezogen. Mit Sack und Pack, mit Kind und Kegel. Indische Arbeiter in nass geschwitzten Hemden schleppten das Mobiliar, das in den Woche zuvor auf dem Wasserweg in die Emirate eingeschleust worden war, aus dem Lieferwagen. Sie verteilten Tische, Stühle, Sofas und andere Möbelstücke in die einzelnen Räume. Der Einzug im eben erst erstellten Al Qurm Compound markierte den Beginn einer neuen Ära unseres Lebens. Vor dem Eintreffen der Möbel hatten wir auf blanken Fussböden gespiesen, in kahlen Schlafzimmern genächtigt. Momente, die uns alle noch in bester Erinnerung sind.

Vier Jahre später haben sich die Dinge gewandelt. Tim wohnt seit einigen Wochen in der Schweiz. Er wird im Oktober sein Studium an der Uni Konstanz beginnen: Deutsche Literatur und Französisch. Franziska und die Mädchen sind soeben von ihren Badeferien in der Südtürkei und auf Kreta ins Berner Oberland zurückgekehrt. Sie werden im Laufe der Woche nach Abu Dhabi fliegen. Dass ich schon lange wieder am Arbeiten bin, ist selbstredend. Doch ich will kein Märtyrer sein. Also vergessen wir es gleich wieder.
Erwähnenswert vielleicht einzig, dass ich heute meinen Freitag im Büro verbracht habe. Eine unserer A330 musste am Donnerstag wegen Rauchentwicklung in der Kabine nach dem Start wieder nach Abu Dhabi zurückkehren. Die Ursache lag in einer Komponente der Klimaanlage. Doch das wusste zum Zeitpunkt des Zwischenfalls niemand. Für unser Büro bedeutet dies viel Arbeit. Interviews, Sammeln von Daten, Fakten, Diskussionen, Abklärungen. Letztlich muss ein Untersuchungsbericht verfasst werden. Doch soweit sind wir noch nicht.
Zwischendurch versuche ich, den Umzug in die Wege zu leiten. Die Movers hat Franziska bereits vor langer Zeit organisiert. Beim Housing Department muss ich sicherstellen, dass Strom- und Wasserzufuhr aktiviert sind und die Wohnung gereinigt ist. Nichts ist selbstverständlich. Via Internet versuche ich, nicht mehr gebrauchte Möbel zu verhökern.

An den Abenden bleibt mir Zeit, das Haus noch einmal zu geniessen: Der Blick vom Esszimmer in den kleinen Garten. Das Privileg eines Parkplatzes unmittelbar vor der Haustür. Die Tatsache, auf zwei, respektive drei Ebenen zu wohnen, und vor der Nachtruhe dank Treppengang zehn Kalorien zu verbrennen. Wer weiss, ob wir nach den vergangenen 22 Jahren in Stadel und im Al Qurm dereinst noch einmal zweigeschossig wohnen werden. Von jenen Familien, die mit uns 2006 eingezogen sind, leben nur noch wenige hier. Wir sind nicht die einzigen, die in diesen Wochen den Compound verlassen. Vielen Bewohnern ist die erneute Mieterhöhung von fünf Prozent sauer aufgestossen. In einer Zeit, wo die Preise für Wohnraum auch in Abu Dhabi kontinuierlich am Sinken sind.

Wie jeder Wohnwechsel fällt dieser Umzug mit dem Ende einer Lebensphase zusammen. Wichtiger noch, er symbolisiert auch einen Neubeginn. Wir rücken näher zur Stadt. Die drei Frauen freuen sich. Ich glaube es ihnen. Im Grunde genommen, habe auch ich mich schon fast daran gewöhnt, weder über einen Gartensitzplatz noch über eine Terrasse zu verfügen. Ich schlendere noch einmal durch und ums leere Haus. Setze mich bei 40 Grad auf einen Gartenstuhl neben dem Eingang. Halte ein in jedem Zimmer. Sortiere meine Erinnerungen.
Nächste Woche beginnt ein neues Kapitel. Wir sind gespannt.










































































Renten-Schummel Fri, 30 Jul 2010 07:24:00 +0000

Auf den Besatzungslisten unserer Flüge tauchen immer mehr südkoreanische Namen auf. Das ist kein Zufall. Die Airline plant nämlich, ab Dezember dieses Jahres eine tägliche Verbindung von Abu Dhabi nach Seoul zu eröffnen. Im Gegenzug finden sich deutlich weniger Rumäninnen, Inderinnen oder Schwedinnen in der Kabine. Vor vier Jahren, als ich meinen Dienst bei Etihad begann, dominierten diese Nationen, zusammen mit Araberinnen aus dem Maghreb und asiatischen Vertreterinnen, vorwiegend aus Thailand und den Philippinen. Letztere sind auch heute noch in üppiger Zahl vertreten, während die Thai ebenfalls immer rarer werden.
Die Gründe für diese Wechsel liegen einerseits in der geografischen Ausrichtung der Rekrutierung, andererseits in der gegenseitigen Beeinflussung innerhalb einzelner Länder und Sprachregionen.

Lee ist Südkoreaner. Auf meinem gestrigen Rückflug von Chicago, ich habe mich eben verschlafen aus dem Crewbunk hinter dem Cockpit geschält, plaudern wir im Galley über Gott und die Welt. Er freut sich auf seinen 30. Geburtstag am 4. August. Das Geburtsdatum hätte in seinem Land jedoch lediglich eine untergeordnete Bedeutung, fügt der junge Asiate mit dem struppigem Haar an. Die Südkoreaner zählen ihre Lebensjahre nach eigenem Muster. Das Neugeborene ist bereits ab der ersten Lebenssekunde ein Jahr alt. Anders als bei uns, wo stolze Eltern Tage, Wochen und Monate zählen und feiern.
Am 31. Dezember zelebrieren die Südkoreaner nicht nur den Übergang ins neue Kalenderjahr, sondern auch den Beginn eines weiteren persönlichen Lebensjahres. Alle Menschen altern in Einigkeit, im gleichen Tempo und zur gleichen Stunde. Der Jahreswechsel wird zum gigantischen universellen Geburtstagsfest, bei dem üppig gefeiert, gespiesen und getrunken wird!
Das kann mitunter zu witzigen Konstellationen führen. Für jenes Baby beispielsweise, dass am 31. Dezember das Licht der Welt erblickt. Mit dem ersten Schrei wird es einjährig. Und bereits nach seiner ersten Nacht in der Wiege darf (oder muss) es den zweiten Geburtstag feiern. Noch bevor das Kind sein erstes Wort gesprochen oder den ersten Schritt getan hat.

Ob diese ungewöhnliche Zählweise eher positive oder negative Konsequenzen hat, bleibe dahingestellt. Eines aber ist klar: Wer im Dezember geboren wird, muss weniger lang arbeiten und kriegt seine Rente zwei Jahre früher.

Waltzing Matilda Sun, 25 Jul 2010 21:11:00 +0000

Wer sich terrestrisch fortbewegt, beispielsweise mit dem Auto oder der Eisenbahn, folgt üblicherweise einer Strasse oder den Geleisen. Rattert von Ort zu Ort, wobei es ab und zu vorkommen kann, dass sich die Reisenden an seltsam klingenden Städtenamen belustigen oder allenfalls nach dem Hintergrund der eigentümlichen Namensgebung fragen.

Verkehrsflugzeuge der modernen Generation verschieben sich auf Luftstrassen, in der Fachsprache Airways genannt. Das Netz dieser unsichtbaren Routen ist fein gesponnen und umschliesst den gesamten Globus. Luftstrassen, wie auch An- und Abflugrouten werden durch Wegpunkte, so genannte Waypoints definiert. Ein Wegpunkt kann beispielsweise eine Funknavigationshilfe sein. Das ist über Wasser allerdings nicht möglich, in diesem Fall bestimmen Koordinaten den Waypoint. Überdies erhält er in der Regel einen aus fünf Buchstaben bestehenden Namen. In modernen Flight Management Systemen sind alle Wegpunkte gespeichert und jederzeit abrufbar.
Wegpunkte werden von der Flugsicherung des jeweiligen Landes veröffentlicht. Dazu gehört auch die Namensgebung. Wer sich in diesem Bereich als besonders witzig und innovativ erweist, sind die Australier! Manchmal braucht es zwar ein bisschen Glück und/oder Fantasie, um das Wortspiel zu erkennen. Auf langen Flügen nach Sydney und Brisbane bietet sich jedoch immer wieder Zeit zum Durchforsten und Interpretieren unserer Route Navigation Charts!

Im Folgenden drei Beispiele. Im letzten Fall ist die Anlehnung an die ersten beiden Zeilen des Songs Waltzing Matilda, der von vielen Australiern als inoffizielle Nationalhymne bezeichnet wird, unverkennbar (Die Bilder können durch anklicken vergrössert werden).








































Once a jolly swagman camped by a billabong
Under the shade of a coolabah tree,
And he sang as he watched and waited 'til his billy boiled
You'll come a-Waltzing Matilda, with me"

Selbstverständlichkeiten Mon, 19 Jul 2010 07:33:00 +0000

Vor drei Stunden habe ich mich ächzend aus dem Bett gekämpft. Zu einer Zeit, wo muntere Weekend-Nachtschwärmer überlegen, ob sie noch eine finale Tequila-Shot Runde starten sollen. Gestern haben wir auf dem Männlichen die Schweizer Version von Ninas Konfirmation gefeiert. Eine gemütliche Runde auf 2225 Metern über Meer, bei den charmanten Gastgeberinnen Rita und Daniela Kaufmann.
Jetzt erwache ich langsam im Zug nach Genf. Knappe drei Stunden vor dem Abflug nach Abu Dhabi. Dabei steckt mir noch die Hinreise vor drei Tagen in den Knochen: Acht Stunden im Büro, sechseinhalb Stunden Nachtflug nach Frankfurt, schliesslich vier Stunden mit der Bahn ins Berner Oberländische Thun.

Dieser „Reisewürg“ wird notwendig, weil meine Sommerferien bereits Anfangs Juli beendet sind. Die ersten beiden Wochen nach der Heimreise rutsche ich auf dem Bürostuhl des Flight Safety Büros herum. Unterbrochen von einem kurzen Hüpfer nach Bahrain und zurück. Ein Hüpfer, der gleichzeitig als jährlicher „Line-Check“ durchgeht. Viele Fragen können bei dieser kurzen Flugzeit nicht gestellt werden. Auch nicht, wenn der Checkpilot ein Schnellredner ist. Noch weniger, wenn es sich beim Geprüften um einen Langsamdenker handelt. Der Schnellredner ist Engländer, der Langsamdenker bin ich. Ausgangslage und Kalkül lassen mich den Vorbereitungsauwand in Grenzen halten. Der Entscheid ist zweifellos richtig.

Nach drei Wochen im eidgenössischen Ferienparadies muss ich mich zuerst aufdatieren. Ein Landezwischenfall in New York, bei dem eine unserer Maschinen Teile der Pistenbefeuerung beschädigt hat, gab über die letzten Tage viel zu tun. Aus diversen (und verständlichen) Gründen gebe ich in diesem Blog keine Flight Safety-Details bekannt, doch der besagte Fall wurde mittlerweile mehrfach in diversen Pilotenchatrooms wiedergekaut, in den Medien erwähnt, und hat damit einen gewissen Öffentlichkeitsgrad erlangt.
Lange und ständig wechselnde Ferienabwesenheiten haben zur Folge, dass das „Investigation-Team“ im Laufe der Untersuchung personelle Wechsel verkraften muss. Ich komme gerade richtig, um mich, zusammen mit dem Chef Safety & Quality, um die finalen Korrekturen des Schlussberichts zu kümmern. Ultimativer Bestandteil eines solchen Berichts sind letztlich Erkenntnisse (Findings), die sich auf einen oder mehrere Gründe (Causes) zurückführen lassen, und in entsprechenden Empfehlungen (Recommendations) gipfeln.

Empfehlungen sind dann nachvollziehbar, wenn die Grundproblematik und mögliche Konsequenzen erkannt sind. Spürbare Wirkung entfalten sie erst mit der praktischen Umsetzung. Dies kann die Flugsicherheitsabteilung nicht selber an die Hand nehmen. Eine Einmischung in den operativen Bereich würde sich mit ihrer Rolle als Überwachungsorgan mit hohem Vertraulichkeitsanspruch kaum vereinbaren lassen. Flight Safety ändert keine Handbuch-Paragraphen und verordnet keine disziplinarischen Massnahmen. Ihr Spielraum beschränkt sich in diesem Fall auf Empfehlungen, die, wie oben angeführt, auf einer sauber dokumentierten und konsequent begründeten Handlungs- und Erkenntnisabfolge fussen. Die Schwierigkeit (oder die Kunst) liegt darin, betroffene Abteilungen zu überzeugen, unsere Vorschläge vollumfänglich umzusetzen. Veränderungs- und Handlungsbedarf wird oftmals zweideutig interpretiert und als departementales oder gar persönliches Ungenügen verstanden. Dabei geht vergessen, dass Anpassungen nicht selten als Folge von Markt- und Strukturveränderung notwendig werden.
Veränderungen bringen finanzielle Aufwendungen mit sich. In der heutigen Zeit ein passendes Argument, sich den gestellten Herausforderungen glaubhaft zu widersetzen. Nicht aber, so müsste man meinen, bei Fluggesellschaften, die grossmundig Sicherheit zur ihrer ersten Priorität erheben. Was aus betriebswirtschaftlicher Sicht natürlich, sagen wir mal so, mindestens anzuzweifeln ist. Das erste Ziel eines jeden Unternehmens ist Geld zu verdienen, nicht Sicherheit zu produzieren. Je mehr, desto besser! Wem dies nicht gelingt, ist zum Untergang verdammt. Da machen auch Airlines keine Ausnahme. Sicherheit nimmt einen hohen Stellenwert ein, kann letztlich aber nie „First priority“ sein.

Wir führen solche Diskussionen beinahe täglich. In unseren Büros gegenüber des neu erstellten Etihad-Hauptsitzes in der Nähe des Flughafens. Vor dem Eingang ranken schlanke Palmen in die Höhe. Die Klimaanlage hält die Temperatur derart tief, dass wir auch in Langarmhemd und mit Kravatte nicht ins Schwitzen geraten. Trotz teilweise heftiger Kontroversen.
Eine ihrem Namen gerecht werdende „Just Culture“ zu leben, ist zweifellos hohe Kunst. Das Credo von Fairness und Gerechtigkeit verlangt geduldige Überzeugungsarbeit. Das wachende Auge eines Berufsverbandes fehlt gänzlich. In einem Arbeitssegment, in dem jede Manipulation, jeder noch so kleine Steuerausschlag, jedes Antippen der Radbremsen und jede im Cockpit gesprochene Silbe aufgezeichnet werden, verkäme eine Abkehr zum Bestrafungsprinzip zum Schwanzbeisser. Wer sich unter Druck fühlt, agiert verkrampft, unsicher und deutlich fehleranfälliger. Wer Angst hat vertuscht eher, als er eingesteht. Damit würde die Fliegerei verletzungsanfälliger, und Safety First nicht nur von betriebswirtschaftlichen Grundprinzipien verdrängt.

Auf der Fahrt nach Hause hat das Thermometer in meinem Auto vergangene Woche zum ersten Mal in diesem Jahr 50° angezeigt. Trotzdem lässt sich die Hitze hier leichter ertragen, als 35° in der Schweiz. Denn klimatisierte Räume bieten „Abkühl-Oasen“, die sich wie ein locker gewobener Teppich weitläufig über die Stadt und das ganze Land verteilen. Ich schwitze in Abu Dhabi weniger, als in meinen Ferien vor drei Wochen im Berner Oberland. Klimaanlagen gehören hier zur Standardausrüstung. Jedes Land hat eben seine Selbstverständlichkeiten. Und andere Bereiche, um die man immer wieder kämpfen muss.

"Löw"enbändiger Sun, 04 Jul 2010 14:23:00 +0000


















Als Expat bewege ich mich vorwiegend unter Ausländern. Nicht unbedingt, wie man vermuten könnte, unter Arabern, jedoch befinden sich in unserem Umfeld viele Deutsche, Engländer, Holländer, Italiener, Skandinavier, Amerikaner und Kanadier. Einige grosse Fussballnationen, von denen an der laufenden WM leider viele bereits die Segel streichen mussten.

Die Deutschen sind noch dabei, und manchmal schlägt das Schicksal unerbittlich zu. Gestern Abend beispielsweise. Ein kurzer Schwatz am Telefon mit Peter - schliesslich will man sich aus den Ferien zurückmelden - endet mit der verlockenden Einladung, das abendliche Fussballspiel gemeinsam beim Vorgesetzten des lieben Freundes zu geniessen. Genuss ist nun vielleicht der falsche Begriff. Denn es stellt sich heraus, dass die gemütliche Fussballrunde aus drei Deutschen Ärzten und mir besteht. Zur Erinnerung: Es geht um die Paarung Deutschland gegen Argentinien!
Zwei Herzchirurgen, ein Anästhesist, und ein Pilot. Na toll! Da bin ich in die Höhle des "Löw"en geraten. Nicht ganz unpassend für Südafrika, der Löwe meine ich. Und noch viel treffender im Zusammenhang mit der anstehenden Begegnung. Die Landeszugehörigkeit macht mir mehr zu schaffen als die etwas einseitige berufliche Konstellation. Die Deutschen sind nachweislich des Schweizers unliebster Gegner bei Sportveranstaltungen. Vielleicht weil wir immer aufs Dach kriegen. Das gilt beim Fussball wie beim Eishockey.
Immerhin kann ich meinen Emotionen freien Lauf lassen, und sehe mich nicht gezwungen, die sportliche Erregung im Zaum zu halten. Ein allfälliger Infarkt wäre bei dieser hochkarätig kardiologisch-anästhesistischen Besetzung ein Pappenstiel, und könnte, ähnlich wie eine Spielerauswechslung, nebenbei und zum Billigtarif behandelt werden.

Bevor ich mich hinsetze, lasse ich mich zu einer Verzweiflungstat hinreissen und oute mich als Gaucho-Fan. Ich bin es meinem Selbstwertgefühl schuldig. Mitleidiges Lächeln, bedeutungsvolle Seitenblicke. Immerhin werde ich nicht vor die Tür gestellt. Die Nationalhymnen scherbeln über den Kanal. Die Deutschen bleiben schweigend sitzen, also muss ich mir auch keine Mühe geben.
Das Spiel beginnt, die Deutsche Fraktion nippt am Weissbier, ich schlürfe mein Mineralwasser. Da knallt es auch schon. Noch keine drei Minuten und die Deutschen springen jubelnd von ihren Sitzen. 1:0 für die Löw-Truppe. Frau Merkel applaudiert, Blatter gratuliert. Ob er sich bei seiner nächsten Wahl einige Zusatzstimmen von unseren nördlichen Nachbarn verspricht?
„Der Messi wirds schon richten“, verkünde ich selbstbewusst. Allein, er ist dazu nicht in der Lage. Im Gegenteil, es kommt noch schlimmer. Die Blauweissen verhaspeln sich immer wieder. Die Deutschen machen Druck und Tempo, und schiessen überdies drei weitere Tore. Schöne Tore, ich muss es gestehen. Eine glamouröse Einzelleistung des Bastl, mit dessen Nachname sich der englische Kommentator während des ganzen Spieles äusserst schwertut. Nur der Mertesacker geht ihm noch harziger über die britischen Lippen, doch das spielt spätestens ab der 74. Minute keine Rolle mehr.

Die Ärzte jubeln vier Mal – derweilen ich weiter still an meinem Mineralwasser nippe, und geschäftig an der Tastatur meines Handys herumdrücke. Nicht einmal mit Federer oder Busacca kann ich auftrumpfen. Die sind entweder ausgeschieden oder ausgemustert.

Maradonas Chicos konntens gestern Abend nicht richten. In vier Jahren vielleicht. Es wird langsam eng. Wer um Himmels Willen kann die "Löw"en bändigen...?

Ende und Anfang Sat, 03 Jul 2010 04:26:00 +0000

Nach drei Wochen in der Schweiz bin ich wieder am Kofferpacken. In vier Stunden fährt der Zug, in zwölf Stunden startet der Etihad-Flug in Frankfurt.
Der Turnus bleibt der gleiche. Jedes Jahr: Zürcher Unterland, Berner Oberland, Tessin. Die letzte Region ist mir die liebste. Nicht für alle verständlich. Irgendwann findet jeder Mensch den Fleck auf dieser Erde, wo er oder sie hin zu gehören glaubt. Déjà-vu oder schicksalshafte Eingebung.

Vier Wüstenjahre sind um. Wir starten in die fünfte Saison. Tim ist eine Runde weiter, sein emiratisches Gastspiel ist zu Ende.
Ich mache wie jedes Jahr den Anfang, die Familie bleibt bis Anfang August in der Schweiz. Zu Beginn steht ein Umzug an. Vom Haus am Stadtrand in die Wohnung im Zentrum. Wir tauschen Platz und Garten gegen weniger Platz und eine bessere Anbindung ans Taxinetz. Was dem kritteligen Europäer unverständlich scheint – ich zähle mich dazu – lässt die Töchter frohlocken, die Frau ebenfalls.
Unabhängig vom Wohnort bleibt die Frage nach einer Rückkehr in die Schweiz. Wir haben im Verlauf der vergangenen drei Wochen viele Gespräche geführt, auch mögliche Schulen für Nina besucht. Wir haben die Schweiz intensiv wahrgenommen, haben unsere Heimat vielleicht noch einmal mit anderen Augen betrachtet. Kritisch, fragend. Ich habe mich wieder mit besagter Dame im Hilton getroffen, und einen Vorvertrag unterschrieben (mehr dazu in Bälde). Wir haben uns mit Freunden ausgetauscht, in lauschigen Gärten gegrillt, auf weitläufigen Terrassen gespiesen. Wir haben beim Ausscheiden der Schweizer Kicker national mitgelitten, haben mindestens zehn Tage das heimische Sauwetter ausgehalten. Wir haben unsere Autobahn-Vignette teil-amortisiert, und grosszügig die einheimische Gastronomie unterstützt. In mindestens drei Kantonen.

Bis Dezember wollen wir uns entscheiden. Plus-Minus Listen erstellen, abwägen, ausloten, sichten, gewichten. Doch letztlich wird der Bauch den Ausschlag geben. Weil der Kopf allein dazu nicht in der Lage ist, und damit bereits verloren hat.
Ich habe den Eindruck, als sei ein Stein ins Rollen geraten. Ein Prozess, den wir lange zurückgedrängt und abgelehnt haben. Ich bin unruhig. Es könnte ein heisser Sommer werden.